Monatliches Archiv für August, 2000

Seite 2 von 2

DER TAG DER EXTREME

Kurzfassung: Durst » Gipfel » Abstieg » Regenguß Â» Hitze »Tal » Bach

Am nächsten Morgen stelle ich fest, dass ich auf einem Stein geschlafen haben muss (mehr oder weniger…). Das Zähneputzen mit Regenwasser (Thomas hatte am Abend eine Regenfalle aufbaut, mit der sich ca. 0,5 L H2O sammeln ließen) konnte mich auch nicht wirklich motivieren.

200-08-16_zum_la_om

Die letzten 500 m Luftlinie zum “La Om” (2244m) meistern wir relativ schnell, auch wenn die Wege immer schmaler und die AbgrÜnde immer tiefer erscheinen. Hier schwingen wir uns gerade um einen Felsvorsprung herum, wobei der Rucksack Richtung Schlucht zieht…

200-08-16_la_om

Dieses Photo zeigt uns auf dem “La Om” (schwer zu erkennen, aber wir halten die Flasche mit dem letzten halben Liter Wasser fest). Danach folgt der ungewisse Abstieg.

200-08-16_lo_om-abstieg 200-08-16_lo_om-abstieg1 200-08-16_lo_om-abstieg3 200-08-16_lo_om-abstieg4

Dieser beginnt am Stahlseil senkrecht hinab, Über Geröll, Schotter und Felsen rutschen und klettern wir Richtung Tal. Nach dem “Hinauf” hätte ich nicht gedacht, dass noch etwas den Aufstieg wÜrde toppen können…Nach einer 3/4 h Überrascht uns ein Regenguß (im positiven Sinne) und wir hocken uns etwas abseits vom Hang zu dritt unter einen Poncho. Die anderen beiden funktioniert Paul noch schnell zu Wasserfallen um und schießt noch das Foto rechts, bevor es richtig zu schÜtten anfängt. Als es aufgehört hat zu regnen, kommt uns eine total durchnäßte Familie im T-Shirt und kurzen Hosen entgegen, die sahen noch ein wenig Überraschter aus – optimale Voraussetzungen eigentlich fÜr die Besteigung eines 2200ters… In diesen 30 min Regen sammeln wir Übrigens 5 Liter Wasser, genug fÜr den restlichen Abstieg.

200-08-16_lo_om-abstiegregen

Ich denke, die nachfolgenden Bilder geben ungefähr die Schwere des Abstiegs wieder:

200-08-16_lo_om-abstieg2 200-08-16_lo_om-abstieg5

An gewissen Stellen mußten wir einfach der Steile des Hanges Tribut zollen und ließen unsere Rucksäcke am Seil hinab (rechts). 20 Kilo auf dem Buckel machen sich bei nassem, rutschigen Untergrund nicht besonders gut, wenn man abwärts klettert…

Gegen Ende des felsigen Teils des Abstieges treffen wir noch auf einige kleinere Höhlen, die jedoch total zugesch***en sind… Nachdem sich die Vegetation schon wieder etwas angenehmer zeigt, mÜssen wir noch einmal einen Geröllhang rutschender Weise hinab und gelangen endgÜltig in den Wald.
Inzwischenist das Wetter schon wieder ausgesprochen schön, die Sonne scheint.
Nach kurzer Zeit erreichen wir eine an einer Lichtung gelegene SchutzhÜtte (1200m) und ich nutze die Pause, um meine Kampfstiefel gegen Halbschuhe zu tauschen *great!*.

Je tiefer wir in das Tal gelangen, desto mehr Zelte erscheinen rechts und links des Weges. Freitag abend scheint ganz Rumänien in den Wald zu fahren, um dort wild zu Campen. Nachdem wir uns in der “Cabana Plaiul Foii” mit Fanta und Keksen gestärkt haben, finden wir tatsächlich gegen 19:00 Uhr noch einen Platz am Bach fÜr unser Zelt – zwischen all den anderen :-(
Es gibt mal wieder Bratnudeln am Feuer.

DER BERG RUFT…

An diesem (ersten richtigen) Karpatentag brechen wir erst 10:00 Uhr auf. Es folgt der schwere Aufstieg zum “Ascutit” (2100m). Zunächst jedoch Überqueren wir die Wiese unserer nächtlichen Ruhestätte und erreichen nach 30 Minuten die im Wald gelegene “Cabana Cumatura”. Dort fÜllen wir unsere Wasserflaschen mit insgesamt 8 Litern Wasser – zu wenig, wie sich hinterher herausstellen sollte.

200-08-15_berg 200-08-15_blick_ins_tal-regen

Der Weg durch den Wald setzt sich gemäßigt fort, bis wir eine Lichtung erreichen, an der unser Weg auf Felsgeröll einen Hang hinauf geht – bis dahin die steilste Stelle. Die 20 Kilo auf dem RÜcken machen sich auch bemerkbar…
Oben angekommen geht es noch einmal “hochprozentig” durch den Wald und uns kommt eine Schafherde samt Schäfer und Hunden entgegen.

Als wir auf eine Lichtung treten, treffen uns die ersten Regentropfen und wir suchen unter einem der letzten Bäume vor der Baumgrenze Schutz. Von dort aus können wir beobachten, wie die Kilometer entfernte Wolkenfront im Tal “abregnet” und Blitze einschlagen.

Nach einer Weile setzen wir den Weg im trockenen fort. Von nun an mÜssen wir Über grasbewachsene Felsen im Zick-Zack, eine Art Trampelpfad mit Serpentinen. Daß das Gestein durch den Regen rutschig ist, macht die Sache nicht einfacher.
Eine halbe Stunde vor Erreichen des Gipfels des “Ascutit” machen wir zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Stahlseil, das an einer besonders steilen Stelle als Aufstiegshilfe dient. Von oben kommt eine deutsche Familie herab und wir fragen, ob es oben Wasser gäbe. Logischer Weise – nein. Bei diesen Kalkfelsen, in dieser Höhe!

200-08-15_kamm 200-08-15_kamm2

Oben angekommen machen wir eine kurze Pause und visieren das nächste Ziel an: den “La Om” – ca. zwei Kilometer Luftlinie den Kamm entlang.

Das stellt sich aber als schwieriger heraus, als gedacht. Es gilt eine Unmenge an mittleren Felsen auf- und abzusteigen, wobei Thomas bei den Abstiegen Probleme im rechten Knie feststellt.

200-08-15_kamm_berg2 200-08-15_kamm_berg3

Insgesamt geht wir fÜr dieses “kurze” StÜck der Rest des Tages drauf.

In ungefähr 500 Meter Entfernung vom “La Om” kapitulieren wir vor dem x-ten Felsen, aber auch, weil es hier in einer Senke seit langem wieder eine halbwegs ebene und von der Größe geeignete Stelle fÜr unser Dreimannzelt gibt. Während Paul und ich das Zelt aufbauen, steigt Thomas ein StÜck talwärts, um mit dem Beil KnÜppelholz fÜrs Lagerfeuer zu schlagen, welches Paul anschließend am Seil hochzieht.

200-08-15_kamm-uebernachtung 200-08-15_kamm-uebernachtung2

Position: Monte Zbirii, Wasservorrat: 1/2 Liter (unterwegs gefunden), Naechste Quelle: ???

Nach einem faszinierenden Sonnenuntergang versammeln wir uns ums Lagerfeuer und gönnen uns Kekse und Zwieback – jedoch ohne Wasser, das bedenklich knapp ist. Der Blick ins Tal aus 2100 Metern Höhe entschädigt dafÜr, daß das Essen nicht ganz so “rutscht”. Als wir in die Schlafsäcke kriechen, bemerken wir, daß der Boden doch nicht so eben ist.

DIE ANFAHRT: TEIL 2

Gegen 2:00 Uhr werden wir durch ein Pochen an der TÜr aus dem Schlaf gerissen. Wir sind am GrenzÜbergang Ruse und ein bulgarischer Grenzer drÜckt uns Stempel in den Reisepaß, nachdem er unsere Personalien per Funk weitergeleitet hat. Insgesamt mÜssen wir ungefähr 4 Stunden an der Grenze verbracht haben. Auf rumänischer Seite hält der Zug in einem heruntergekommenen Bahnhof und die hiesigen Grenzbeamten betreten den Zug. An unserem Abteil angekommen, stellt einer freudig fest, daß wir ein Visum brauchen.

200-08-14_visum

Die Quittung des teuren VergnÜgens: Einreise Rumänien…

Er kann erstaunlicherweise Englisch und teilt uns mit, daß dieses $33 koste. Auf unsere Frage ob fÜr alle folgt ein breites Grinsen und die Antwort: “No, for each!” – und zahlbar in Landeswährung, die man ja bekanntlich nicht einfÜhren darf, oder in Dollar. Also mÜssen wir tauschen. Aber wo? Er bewundert noch schnell unsere Kampfstiefel (“Luftwaffe? Gut!”) und fÜhrt mich dann zum Zugfenster und meint, ich solle Über die Gleise, an den Hunden vorbei, zum Zollgebäude, dann die dunkle Gasse entlang, bis zu dem eingefallenen Neubau und da mÜsse dann irgendwo ein Hotel sein, das um 4:30 Uhr in der Nacht DM in Lei wechselt.
So weit kommt es allerdings nicht, denn als ich das Zollgebäude erreicht habe, kommt mir eine Frau mit Taschenrechner entgegen, die ein paar Worte aus der Ferne mit dem Zollbeamten wechselt und mir dann fÜr 3 lausige Stempel 213,- DM abnimmt (12,- DM Kommission!!).ZurÜck im Zug nimmt mir der Grenzer unsere wertvollen Pässe gleich wieder ab, um sie uns nach endlosen 30 Minuten wiederzubringen. Wir sind also in Rumänien und ein Drittel unserer liquiden Bestände ist bereits verbraucht.

200-08-14_pass-bulg

Die kostenlosen bulgarischen Stempel

200-08-14_pass-rum

… und die teueren rumänischen

Als unser Zug gegen 8.30 Uhr in Bukarest eintrifft, haben wir zwei Stunden Verspätung, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, da wir immer noch drei Stunden Aufenthalt haben. Diese Zeit nutzen wir zu einem Rundgang durch die Straßen von “Bucuresti”, bevor wir uns im Park vor dem Bahnhof auf einer Bank niederlassen. Nach einer Weile nähern sich uns drei Zigeunerfrauen, die uns unbedingt einen Ring verkaufen wollen. Als sie nach fÜnf Minuten fast gescheitert sind, bemerkt Paul, daß sich eine von ihnen an meiner Rucksackaußentasche zu schaffen macht. Wir geben ihnen zu verstehen, daß ich meine Badehose noch bräuchte und jagen sie davon. Sie lassen sich in respektvoller Umgebung nieder und beobachten uns weiter argwöhnisch. Im Expreßzug nach Brasov (Kronstadt) sitzen wir mit einer Familie aus Sibiu (Hermannstadt) in einem Abteil, mit der wir uns drei Stunden angeregt unterhalten und am Ende feststellen, daß wir kaum etwas verstanden, aber unsere Adressen ausgetauscht haben. Mit einem stark wartungsbedÜrftigen Doppelstockzug kommen wir ca. 17:00 Uhr in Zarnesti an und beschließen den dahinterliegenden Berg heute noch zu besteigen. Während unseres Marsches durch das Dorf genehmigen wir uns noch ein Eis und verlassen dann Zarnesti auf einer Schotterstraße, dem Tal entlang, bis zu einem Steinkreuz, hinter dem der Aufstieg durch den Wald beginnt. Nach zwei Stunden anstrengender Steigung durch den Wald, kommen wir auf eine Lichtung (1300 m), auf der wir spontan unser Zelt aufschlagen.

200-08-14_1st_evening

der erste Karpatenabend…

200-08-15_1st_morning

…und der darauffolgende Morgen

Ein Feuer ist schnell entfacht und beim Anblick der vom Mond angestrahlten Bergkette, die uns umgibt, schmecken die Bratnudeln gleich doppelt so gut.

DIE ANFAHRT: TEIL 1

Da unser Zug erst kurz nach Mitternacht vom Hauptbahnhof Halle/S. abfährt, beschließen wir, die Zeit mit einem Kinobesuch zu ÜberbrÜcken. Bei “The Sculls” Üben wir schon einmal die Nachtwache und wecken uns immer gegenseitig. Da bis zur Abfahrt immer noch Zeit ist, nehmen wir noch eine letzte kultivierte Mahlzeit zu uns, bevor wir Mc Donald’s wieder in Richtung Bahnhof verlassen. Dort angekommen stellt Thomas fest, daß er die Zugreservierungen vergessen hat, er sie aber in der dreiviertel Stunde, die ihm noch bleibt von zu Hause holen wird. Paul und ich warten solange in der Bahnhofshalle auf ihn, Thomas erscheint aber doch schon nach 20 Minuten. Auf dem Bahnsteig kann man sich nicht einigen, wer den Klappspaten trägt, was schließlich dazu fÜhrt, daß er in Halle bleibt (wenn ihn jemand auf dem Bahnsteig gefunden haben sollte: mail-at-christianseidel.net…).

Der Nachtzug aus Prag Über DÜsseldorf ist recht voll und wir schleppen unsere 20-Kilo-Rucksäcke durch den schmalen Gang zu unserem Abteil, das seltsamerweise komplett belegt ist. Nachdem wir uns Platz gemacht hatten (gewisse schlafende Individuen mit BierbÜchse in der Hand mußten mÜhsam von Ihrer Fehlplazierung Überzeugt werden), konnten wir noch miterleben, wie der Schaffner alle die zur Schnecke machte, die in seinem reservierungspflichtigen Zug nicht reserviert hatten. Er versäumte es dabei nicht, jedem einzelnen seine Lebensgeschichte zu erzählen, was uns noch eine Weile wach hielt. In DÜsseldorf angekommen haben wir etwas Verspätung, was dazu fÜhrt, daß wir die S-Bahn zum Flughafen verpassen. Aber die kommt ja aller zehn Minuten – zumindest Werktags und heute ist Sonntag! ZurÜck zum Plan und… puhhh – in 30 Minuten fährt doch noch eine. Im Flughafen DÜsseldorf mÜssen wir zum Terminal E und stellen fest, daß es von der Ankunftshalle einen Zubringerbus zum Terminal gibt. Der läßt sich Zeit und wir kommen eine Stunde vor Abflug zur Abfertigung. Das Gepäck erfÜllt gerade so das Limit von 20 Kilogramm pro Person und wir passieren geschafft, aber erleichtert die Paßkontrolle.

Via Bulgarian Airways fliegt bevorzugt mit der Tupolev 154 (Baujahr 1991, 157 Sitzplätze), wir ab sofort nicht mehr. Bei dieser Beinfreiheit spielt es auch keine Rolle, ob man im Smart hinten sitzt. Man kann zwar die Vordersitze nach vorn klappen, das hat aber irgendwie meinen Vordermann gestört. DafÜr ist in der bulgarischen Luftwaffe die Gleichberechtigung eingefÜhrt wurden, im Klartext: zwei Stewardessen (mindestens 80 Jahre alt) und ebenso viele Stewards in modischer Sommerbekleidung aus der Schnäppchen-Ausgabe des Klingel-Katalogs versuchen jetzt kostenpflichtig Fluggäste mit Alkohol und Zigaretten abzufÜllen.

Nach einer etwas unruhigen Landung in Varna stellen wir die Uhr eine Stunde vor und erfahren, daß es auf den Flughafentoiletten rosa Klopapier gibt. Vor dem Flughafengebäude werden wir gleich von einem Taxifahrer bestÜrmt, ob wir nicht mit seinem Taxi bis zum Bahnhof fahren wollen – fÜr preiswerte 20,- DM. Aus irgendeinem Grund entscheiden wir uns aber dann doch fÜr den ÜberfÜllten Bus (2,- DM), der uns aber nur ins Zentrum bringt.

Die bulgarischen Landsleute sind sehr freundlich und sprechen uns auf dem Weg zum Bahnhof immer wieder an, ob wir nicht zu viel deutsches Geld haben (“Change, Change. Gut Kurs. No Commission!) oder ein Taxi bräuchten (ca. 20.000 Mal). Nur den Weg zum Bahnhof kann uns erst der dritte “Devisenwechsler” erklären.

Die dortige Information klärt uns darÜber auf, daß wir fÜr ZÜge ins Ausland das Internationale ReisebÜro aufsuchen mÜssen. Im zweiten Anlauf finden Thomas und Paul es dann endlich in irgend einer Nebenstraße, ich passe solange auf unser 60-Kilo-Marschgepäck im Bahnhof auf. Als die beiden nach 45 Minuten wiederkommen, haben sie das GefÜhl, sie hätten gerade die bulgarische StaatsbÜrgerschaft beantragt, so viele Zettel hätte die Angestellte ausgefÜllt (das Wort Computer ist wahrscheinlich im Bulgarischen mit Schreibmaschine Übersetzt…).

200-08-13_ticket_varna-bukarest200-08-13_ticket_varna-bukarest2

Unser Zug nach Bukarest (von Istanbul nach Moskau) hat Schlafwagen, in welchen wir ein Abteil fÜr ca. 40,- DM pro Person unser eigen nennen können. Bis zur Abfahrt um 21:10 Uhr begeben wir uns mit dem ganzen Gepäck an den Strand und lassen die Seele baumeln. Zum Abendbrot gibt es selbst importierte Eierkuchen und wir begeben uns zum Bahnsteig. Dort stehen historische russische UngetÜme, in deren Inneren es vor lauter Hitze nicht auszuhalten ist. Die Fenster lassen sich nicht öffnen, die russische Zugbegleiterin erklärt uns, daß die “Klimaanlage” erst während der Fahrt einsetzt – Zugluft eben. Dann verteilt sie Bettwäsche mit KÜhleffekt (faustgroße Löcher, staubige, poröse Laken) und weißt uns darauf hin, daß die Toilette jetzt nicht mehr abgeschlossen sei. Beim Zähneputzen stellen wir fest, daß es kein Wasser gibt – nur gut, daß wir uns vor der Abfahrt mit Mineralwasser eingedeckt haben.